Judith Hermann
( *1970 Berlin-Tempelhof)
Sie schreibt, sie schreibt nicht, sie schreibt... ?
Bei Judith Hermann weiß man das nicht so genau. Sie weiß es selbst nicht.
„Schriftstellerin bin ich nur, wenn ich schreibe. Zwischen den Büchern bin ich - etwas anderes“ wird sie 2010 von der Berliner Zeitung zitiert.
Seit ihrem Debüt „Sommerhaus später“ 1998 hat sie drei Erzählbände veröffentlicht – ein recht schmales Werk. Trotzdem hat sie es geschafft, als Stimme einer Generation betitelt zu werden. Doch die Aufmerksamkeit für ihre Person und ihre Geschichten ließ nach, die Folgewerke wurden sehr viel kritischer betrachtet als das Debüt.
Was war der Haken?
„Eigentlich“, sagt Judith Hermann 2003 im Interview der FAZ, „kam der Ruhm zu schnell“.
Da tauchte dieser schmale Erzählband auf, der zunächst gar nicht so sehr wahrgenommen wurde.
Erst als ihn das „Literarische Quartett“ in den Himmel lobte, wurde er von der breiten Öffentlichkeit entdeckt.
Was noch entdeckt wurde, war das Foto der Autorin auf dem Buchumschlag:
Das Foto, welches die Autorin im Halbschatten zeigt, wie sie mit schweren Lidern gedankenvoll in die Kamera blickt, die glatten langen Haare zu einem klassischen Dutt zurückgebunden, das Gesicht gebettet auf einem breiten Pelzkragen. Das Zimmer liegt im Dunkel, zwei helle Fenster umrahmen die junge Frau.
Im "Literarischen Quartett" sagt Andrea Köhler: „Ganz wunderbare Geschichten, erzählt wie mit halbgeschlossenen Lidern“ und öffnet damit der Identifikation der Autorin mit ihren Geschichten Tür und Tor.
Auch Judith Hermann entgegnet auf die Frage, ob Sonja, eine ihrer Figuren, ein Selbstporträt sei: „Sicher ist sie Selbstporträt, aber auch so etwas wie ein gewünschtes Selbstporträt.“
Doch schon bei der Veröffentlichung ihres zweiten Werkes ‚Nichts als Gespenster’ klingt das ganz anders: „Ich hatte [...] genug davon, dass meine Person als Projektionsfläche vereinnahmt wird“, gibt Hermann in einem Interview der TAZ zu.
Claudia Voigt resümiert dazu im Spiegel : „Mit dem berühmten Kunstgeschöpf Judith Hermann musste sie trotzdem leben“.
Dieses Kunstgeschöpf wollte Judith Hermann in ihrem dritten Werk ‚Alice’ 11 Jahre nach dem Debüterfolg 1998 endgültig ablegen: Ihr Umschlagfoto ist sehr einfach, eine Frau mit ruhigem Lächeln, zurückgesteckten Haaren und einer schlichten Karobluse. Das Bild hat nichts mehr gemein mit der verträumten Melancholikerin.
Die Geschichten schon. Sie sind länger, sie haben eine gleichnamige Hauptfigur, mit der Todesthematik wagt sich die Autorin an ein ernsteres Thema - doch wieder ist es nicht der von Kritikern herbeigesehnte Roman.
Seit der Veröffentlichung 2009 ist es wieder still um die Schriftstellerin. Wenn sie momentan überhaupt Schriftstellerin ist. Oder etwas anderes. Denn man fragt sich: Schreibt sie, schreibt sie nicht, schreibt sie ...?“
Donnerstag, 19. Januar 2012
Sonntag, 15. Januar 2012
Süchtig
Die Frau mit dem Hund springt in die U-Bahn, kurz bevor sich
die Türen schließen, als der Schaffner bereits sein „Bitte zurückbleiben“
genuschelt hat und der fiepende Warnton in den Ohren klingelt.
Der Hund, das ist ein Terrier mit strammen, kleinen Beinen, ein Ohr neckisch eingeknickt. Die Frau atmet schwer und schiebt sich zu einem freien Sitzplatz. Sie zieht den Hund an einem Gürtel hinter sich her. Ihre Hose ist ihr fast über den Hintern gerutscht.
Richtig ungepflegt sieht sie nicht aus. Die Jacke ist schlicht und wirkt sauber, die viel zu weite Hose könnte genau so gut trendy sein, Used Look. Ihre dünnen, zerzausten Haare hat sie zu einem Zopf zusammengebunden und der schwache Geruch nach Alkohol und ungewaschener, alter Kleidung könnte von woanders herkommen. Erst ein Blick auf eine ihrer aufgequollenen, roten und rissigen Hände mit den gelb verfärbten Fingernägeln, die eine Flasche mit Apfelschorle umklammert, gibt Bestätigung. Auch das verkniffene, fleckige Gesicht – geplatzte Äderchen, schmale Lippen und trübe Augen.
Jetzt reckt sie ihr knochiges Becken dem älteren Herrn mit dem weißen Schnauzbart, der ihr gegenüber sitzt, provozierend entgegen, während sie ihre Hose hochzieht und versucht, den Gürtel durch die Schlaufen zu ziehen.
Ein junger Mann, auf der anderen Seite des Ganges sitzend, grinst. Sie ist ihm
peinlich. Er schämt sich für sie. Die anderen Fahrgäste im Umkreis schauen weg.
Geradeaus oder aus dem Fenster. Sie geben sich unbeteiligt, tun, als hörten sie
nichts.
Der Hund, das ist ein Terrier mit strammen, kleinen Beinen, ein Ohr neckisch eingeknickt. Die Frau atmet schwer und schiebt sich zu einem freien Sitzplatz. Sie zieht den Hund an einem Gürtel hinter sich her. Ihre Hose ist ihr fast über den Hintern gerutscht.
Richtig ungepflegt sieht sie nicht aus. Die Jacke ist schlicht und wirkt sauber, die viel zu weite Hose könnte genau so gut trendy sein, Used Look. Ihre dünnen, zerzausten Haare hat sie zu einem Zopf zusammengebunden und der schwache Geruch nach Alkohol und ungewaschener, alter Kleidung könnte von woanders herkommen. Erst ein Blick auf eine ihrer aufgequollenen, roten und rissigen Hände mit den gelb verfärbten Fingernägeln, die eine Flasche mit Apfelschorle umklammert, gibt Bestätigung. Auch das verkniffene, fleckige Gesicht – geplatzte Äderchen, schmale Lippen und trübe Augen.
Jetzt reckt sie ihr knochiges Becken dem älteren Herrn mit dem weißen Schnauzbart, der ihr gegenüber sitzt, provozierend entgegen, während sie ihre Hose hochzieht und versucht, den Gürtel durch die Schlaufen zu ziehen.
„Lassen Sie sich nicht beirren!“ sagt sie laut zum Schnauzer-Mann.
„Wie bitte?“, sagt er.
„Lassen Sie sich nicht von mir beirren.“ Sie klingt eine
Spur aggressiver.
Der Mann lächelt und schüttelt den Kopf. „Davon? Ach, da hab
ich schon ganz andere Sachen gesehen. Mich überrascht nichts mehr.“
Sie setzt sich, blickt ihn starr an. „Und was, was haben Sie
gesehen, wenn Sie so etwas sagen? Was war das, was Sie gesehen haben? Waren
diese Dinge bewusstseinserweiternd für Sie?“
„Bewusstseinserweiternd? Nein“, sagt er.
„Ich bin drogenabhängig.“, sagt sie herausfordernd und
starrt ihn an. Er sagt nichts.
„Ich hab’ die Hundeleine vergessen. Da haben die mich
gezwungen, den Hund an den Gürtel zu nehmen! Scheiß Regeln! Ist denen egal,
wenn mir die Hose bis zu den Knien rutscht. Scheiß Bullen.“
Sie schreit fast. „Der Hund tut keinem was! Aber das ist
denen egal! Die sind wie scheiß Roboter! Die hinterfragen
nichts, die haben ihre Regeln und die spulen sie ab und du musst dich dran
halten. Scheiß System.“
„Ein lieber Hund“, sagt der alte Mann mit Schnauzer. Er hat
einen Hut auf.
„Wo fahren Sie hin?“, fragt sie, während sie die
Plastikflasche mit der Apfelschorle umklammert. „Fahren Sie zur Arbeit? Kommen
Sie von der Arbeit?“
Er erwidert: „Ich komme von der Arbeit und fahre zur
nächsten.“
„Und wo arbeiten Sie?“, hakt sie nach, misstrauisch. Sie
möchte ihn austesten. Wie lange er mit ihr redet. Ob er sich irgendwann
abwendet. Ob er sie verachtet.
„In einer Klinik“, sagt er. „Und in einem Pflegeheim.“
Die Frau schweigt. Ihr Gesichtsausdruck ist irgendwie
schuldbewusst. Ihre Lippen sind fest zusammengekniffen. Die Haare hängen ihr
strähnig ins Gesicht und sie streicht sie mit zitternden Fingern zurück.
„Es tut mir leid“, sagt sie schließlich leise. „Es tut mir
leid, dass ich so aggressiv war. Ich wusste nicht ...“
Sie blickt zu dem Terrier, dann zu dem Mann. Ihre Stimme
wird noch ein wenig leiser als sie sagt: „Meinten Sie das mit den Dingen, die
Sie gesehen haben? Was sehen Sie da? Sehen Sie die Leute sterben? Ein Freund
von mir hatte Krebs. Er hat das überlebt, zum Glück, aber er ist nie mehr der
Gleiche gewesen. Es war schlimm.
Eine Freundin von mir ist gestorben. Sie war auch
drogenabhängig. Es waren so wenige auf der Beerdigung, so wenige! Das ist
schlimm. Ich habe Angst. Es macht mir Angst, zu sterben und ganz allein zu
sein.“
„Wir machen auch Sterbebegleitung“, sagt der Mann. Dann
schweigt er.
Sie sagt ebenfalls eine Weile nichts mehr. Irgendwann murmelt sie:
„Ich bin ein mitfühlender Mensch. Behandeln Sie Leute mit Krebs?“
„Nein“, sagt er. „Demenzkranke.“
„Das ist schlimm! Ist das nicht schlimm, wenn
man alles vergisst?“
„Demenz kann schon mit 30 beginnen“, sagt er. Die Frau ist ungefähr 30. Auf
jeden Fall sieht sie älter aus, als sie ist. Kaputter.
Der Mann fährt fort: „Aber die Leute merken irgendwann nicht
mehr, dass sie vergessen. Für sie ist es dann nicht schlimm. Nur am Anfang, da
merken sie es.“
„Und haben Angst ...“ ergänzt die Frau traurig und trinkt einen
Schluck Apfelschorle.
"Es hört schnell auf."
"Es hört schnell auf."
„Ich bin ein interessierter Mensch!“; sagt sie und ihre
Stimme ist wieder fest.
„Ich möchte vieles wissen, deshalb frage ich Sie so viel. Wie
erkenne ich Demenz? Wenn da ein Mensch irgendwo steht und sich verlaufen hat –
vielleicht kann ich ihn ja zurückbringen!“
„Nun ja, sie sind verwirrt. Wissen nicht, wo sie sind, denken
nicht klar. Das merkt man“, sagt der Mann.
Die Frau schaut auf den Boden.
Der junge Mann auf der anderen Seite des Ganges steigt aus.
Der junge Mann auf der anderen Seite des Ganges steigt aus.
Freitag, 6. Januar 2012
"Ihre Sternheim - unsre Heldin" Sophie von la Roche
Die Empfindsamkeit fand ich immer schrecklich. Gemeinsam mit der
Marwood erwartete ich inständig Sara Sampsons Tod, schüttelte zärtlich
den Kopf über die zärtlichen Schwestern und lachte, wenn ich mir
vorstellte, wie sie alle schluchzten und greinten, die Damen und Herren
von damals, während sie sich mit possierlichen Taschentüchlein die Augen
tupften.
Genau das sagt man der Dame nach, die ich im Folgenden vorstellen will: Dass ihr Roman kein Auge trocken ließ. Und hier liegt die Bedeutung, die sie für Zeitgenossen und Nachwelt hatte. Ich wiederhole: „Ihr Roman“.
Sophie von la Roche
(* 1730 + 1807)
Sophie von la Roche ist eine Vorreiterin in mehrfacher Hinsicht: Ihr Werk „Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim“ (1771) gilt als erster von einer Frau verfasster deutschsprachiger Roman.
Die 1783 gegründete Frauenzeitschrift „Pomona für Teutschlands Töchter“ war ebenfalls eine der ersten von einer Frau herausgegebenen Zeitschriften für Frauen – wenn sich auch darin schon ihr emanzipatorisches Potential erschöpfte.
Inhaltlich hielt man sich an die traditionelle Rollenverteilung, auf keinen Fall wollte Sophie die Frauen „von der heiligen häuslichen Bestimmung abziehen“ (Brief an Johann Caspar Lavatar).
Doch zurück zum Fräulein von Sternheim.
Der empfindsame Briefroman fällt in die Zeit der Aufklärung, eine Zeit, die dem Gedanken an eine gelehrte Frau nicht ganz abgeneigt gegenüberstand - und er feierte große Erfolge, sowohl beim weiblichen, als auch beim männlichen Publikum, wenn auch eher für das weibliche gedacht.
Sophie kann als Begründerin der Frauenliteratur gesehen werden, wobei Frauenliteratur in diesem Zusammehang ganz neutral und nicht mit dem schalen Beigeschmack, der dem Begriff heutzutage anhaftet, verstanden werden muss.
La Roche bestand „wie selbstverständlich auf dem Recht, über Angelegenheiten, die speziell Frauen betreffen, zu schreiben und damit als Autorin hervorzutreten“. (Becker-Cantarino, Barbara: Der lange Weg zur Mündigkeit. Frauen und Literatur in Deutschland von 1500 bis 1800. München 1989, S. 278.)
Mit der „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“ schuf die Arzt-Tochter aus Kaufbeuren ein moralisches Vorbild für die weibliche Leserschaft – im Mittelpunkt eine aktive Frau, die es schafft, frei und tugendhaft zu leben.
Die Bezeichnung 'Frauenroman' ging auf ihren Freund Christoph Martin Wieland zurück, der immer wieder den Nutzen des Werks für das weibliche Geschlecht betonte. Er war es auch, der sich zum Herausgeber des Romans machte, zeigte sich begeistert von „(der) Wahrheit und Schönheit Ihrer moralischen Schilderungen (...); mein Herz erwärmte sich“.
Wieland kümmerte sich um stilistische und editorische Veränderungen und nahm durch seine Vorrede und Anmerkungen Einfluss auf die Rezeption.
"Ihre Sternheim, so liebenswürdig sie ist, hat als ein Werk des Geistes, als eine dichterische Komposition, ja nur überhaupt als eine deutsche Schrift betrachtet, Mängel, welche den Auspfeifern nicht verborgen bleiben werden." (Wieland, Vorwort zu „Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim“)
Ohne den Einfluss ihres wohlwollenden Gönners wäre Sophie von la Roches schriftstellerische Laufbahn undenkbar gewesen. Ein Beispiel dafür, wie sehr die weibliche Autorschaft im 18. Jahrhundert von den männlichen Kunstrichtern abhing.
So können Wielands Worte in der Herausgeberfiktion des "Fräulein von Sternheims" sowohl als Schutz seines Schützlings als auch als Abwertung weiblicher Kunstfertigkeit gelesen werden:
„und sollten die Kenner nicht geneigt sein mit mir zu finden, daß eben diese völlige Individualisierung des Charakters unsrer Heldin einen der seltensten Vorzüge dieses Werkes ausmacht, gerade denjenigen, welchen die Kunst am wenigsten, und gewiß nie so glücklich erreichen würde, als es hier, wo die Natur gearbeitet hat, geschehen ist?“ (Wieland, Vorwort zu „Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim“)
Genau das sagt man der Dame nach, die ich im Folgenden vorstellen will: Dass ihr Roman kein Auge trocken ließ. Und hier liegt die Bedeutung, die sie für Zeitgenossen und Nachwelt hatte. Ich wiederhole: „Ihr Roman“.
Sophie von la Roche
(* 1730 + 1807)
Sophie von la Roche ist eine Vorreiterin in mehrfacher Hinsicht: Ihr Werk „Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim“ (1771) gilt als erster von einer Frau verfasster deutschsprachiger Roman.
Die 1783 gegründete Frauenzeitschrift „Pomona für Teutschlands Töchter“ war ebenfalls eine der ersten von einer Frau herausgegebenen Zeitschriften für Frauen – wenn sich auch darin schon ihr emanzipatorisches Potential erschöpfte.
Inhaltlich hielt man sich an die traditionelle Rollenverteilung, auf keinen Fall wollte Sophie die Frauen „von der heiligen häuslichen Bestimmung abziehen“ (Brief an Johann Caspar Lavatar).
Doch zurück zum Fräulein von Sternheim.
Der empfindsame Briefroman fällt in die Zeit der Aufklärung, eine Zeit, die dem Gedanken an eine gelehrte Frau nicht ganz abgeneigt gegenüberstand - und er feierte große Erfolge, sowohl beim weiblichen, als auch beim männlichen Publikum, wenn auch eher für das weibliche gedacht.
Sophie kann als Begründerin der Frauenliteratur gesehen werden, wobei Frauenliteratur in diesem Zusammehang ganz neutral und nicht mit dem schalen Beigeschmack, der dem Begriff heutzutage anhaftet, verstanden werden muss.
La Roche bestand „wie selbstverständlich auf dem Recht, über Angelegenheiten, die speziell Frauen betreffen, zu schreiben und damit als Autorin hervorzutreten“. (Becker-Cantarino, Barbara: Der lange Weg zur Mündigkeit. Frauen und Literatur in Deutschland von 1500 bis 1800. München 1989, S. 278.)
Mit der „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“ schuf die Arzt-Tochter aus Kaufbeuren ein moralisches Vorbild für die weibliche Leserschaft – im Mittelpunkt eine aktive Frau, die es schafft, frei und tugendhaft zu leben.
Die Bezeichnung 'Frauenroman' ging auf ihren Freund Christoph Martin Wieland zurück, der immer wieder den Nutzen des Werks für das weibliche Geschlecht betonte. Er war es auch, der sich zum Herausgeber des Romans machte, zeigte sich begeistert von „(der) Wahrheit und Schönheit Ihrer moralischen Schilderungen (...); mein Herz erwärmte sich“.
Wieland kümmerte sich um stilistische und editorische Veränderungen und nahm durch seine Vorrede und Anmerkungen Einfluss auf die Rezeption.
"Ihre Sternheim, so liebenswürdig sie ist, hat als ein Werk des Geistes, als eine dichterische Komposition, ja nur überhaupt als eine deutsche Schrift betrachtet, Mängel, welche den Auspfeifern nicht verborgen bleiben werden." (Wieland, Vorwort zu „Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim“)
Ohne den Einfluss ihres wohlwollenden Gönners wäre Sophie von la Roches schriftstellerische Laufbahn undenkbar gewesen. Ein Beispiel dafür, wie sehr die weibliche Autorschaft im 18. Jahrhundert von den männlichen Kunstrichtern abhing.
So können Wielands Worte in der Herausgeberfiktion des "Fräulein von Sternheims" sowohl als Schutz seines Schützlings als auch als Abwertung weiblicher Kunstfertigkeit gelesen werden:
„und sollten die Kenner nicht geneigt sein mit mir zu finden, daß eben diese völlige Individualisierung des Charakters unsrer Heldin einen der seltensten Vorzüge dieses Werkes ausmacht, gerade denjenigen, welchen die Kunst am wenigsten, und gewiß nie so glücklich erreichen würde, als es hier, wo die Natur gearbeitet hat, geschehen ist?“ (Wieland, Vorwort zu „Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim“)
Mittwoch, 4. Januar 2012
Liebe Liselotte
Widmete sich das Blog "schreibende Mädchen" bisher eher schreibenden Mädchen- oder Frauenfiguren innerhalb eigener Prosa oder vereinzelt im Film- und Musikbereich möchte ich den Beginn des Jahres 2012 nutzen, um mich mit realen schreibenden Frauen quer durch die Epochen (nicht chronologisch) zu beschäftigen und diese hier vorzustellen (nicht regelmäßig).
Im Laufe meines Literaturstudiums kamen mir, vom Schatten der männlichen Zeitgenossen verdeckt, nicht viele davon unter, und die, die da kamen, kamen doch eher zufällig. Wenn sie dann aber kamen bereiteten sie mir umso mehr Freude, weshalb ich ihnen an dieser Stelle Tribut zollen möchte. An den Anfang stelle ich Liselotte von der Pfalz, für die mich ihr Zitat über das Lesen von Romanen einnahm: "Wenn ich die romans lange und an einem stück lesen müßte, würden sie mir beschwerlich fallen; ich lese aber nur ein blatt 3 oder 4, wenn ich met verlöff (mit Verlaub) auf dem kackstuhl morgens und abends sitze, so amüsierts mich und ist weder mühsam noch langweilig so." (1704)
Liselotte von der Pfalz (* 1652 in Heidelberg, + 1722 in Saint Cloud)
„Weilen alles so vergänglich ist, drumb muß man sich lustig machen, so viel man kann, denn man kompt nicht zwey mal wieder, und ich glaube, daß unser herrgott auch lieber hat, daß man ihm mit lust, als mit chagrin dient. Wenn weinen den frieden machen könnte, wollt ich selber weinen, aber das hilft zu nichts, also were es besser, zu lachen.“ (an Raugräfin Louise, 24.11.1713)
Wie kann man einen Beitrag über Liselotte von der Pfalz, voller Name Elisabeth Charlotte, besser beginnen, als mit den Worten: „Herzliebe Liselotte“ – so, als würde man ihr einen Brief schreiben. „Herzliebe Liselotte“, schreibe ich also, wie gut, dass du nie deinen Sinn für Humor verloren hast. Verübeln könnte man es ihr nicht, der Prinzessin aus Heidelberg, die aus politischen Gründen an den Bruder des Sonnenkönigs, Philipp I. von Orléans verheiratet wurde. Madame, deren Gatte sich offen zu seinen Favoriten und damit zu seiner Homosexualität bekannte, war einsam. Deshalb begann sie zu schreiben. Sie schrieb Briefe an ihre Lieben, die sie in der Heimat zurücklassen musste, die Heimat, nach der sie sich ihr Leben lang verzehrte.
„Die Pfalz ist ein gelobt land gegen andere Länder zu rechnen, denn alles ist ja gut in unserem lieben vaterland, luft, wasser, wein, brot, fleisch und fisch. [...] oft in den strohhütten leben leute mit größern vergnügen, als in schöne palästen und auf dem thron.“ (an Raugräfin Louise, 22.11.1710)
In diesem Brief klingt Liselottes tiefe Abneigung gegen das Leben am Französischen Hof mit, die zum Hauptinhalt ihres Schreibens wird. Besonders Liselottes Hass auf Madame Maintenon, die Mätresse des Königs, trug zu ihrer Isolierung am Hof und den Spannungen mit Ludwig IVX. bei.
„Welcher Henker uns unsere alte rumpompel (Mme. De Maintenon) hier wollte weg nehmen, sollte ich wohl vor einen ehrlichen Mann halten und gern vor ihn bitten, daß er möge geadelt werden.“ (an Herzogin Sophie, 31.3.1692)
Warum aber sind die Briefe dieser Frau, die von sich selbst behauptet, von politischen Dingen keine Ahnung zu haben („Wir müssen wohl von Bagatellen reden, Staatssachen weiß ich wahrlich nicht“) und die von Peter Michelsen – zu Recht – als „Genie des Klatsches“ bezeichnet wird, relevant für uns?
Klatsch, so Michelsen, könne zur Kunst werden und habe eine große Ästhetik an sich.
Zudem sind Liselottes detaillierte Beschreibungen von Leben und Leuten am Hof, von Intrigen, Absurditäten der Etikette und der Mode, wertvolle Quelle für die Kulturgeschichtsforschung. Bereits die Zeitgenossen aber erkannten, dass Liselotte einen außergewöhnlichen Stil schrieb, allen voran der Philosoph Leibniz.
„Herr Leibniz“, schreibt Liselotte, „dem ich etlichmal schreibe, gibt mir die vanitet, daß ich nicht übel Teutsch schreibe“ (1715)
Markenzeichen der Herzogin sind ihre geistreichen, aber oft bissigen Vergleiche, ihre Vorliebe für Anekdoten und Anspielungen sowie die drastische Sprache, die sie selbst folgendermaßen erklärt:
„Ich bin gantz naturlich; wen mir waß zu hertzen geht, muß ich es gantz entfinden“ (an Raugräfin Louise, 6.9.1715)
Friedrich Schiller wird sie im 18. Jahrhundert als eine Frau stilisieren, die mit unverbildeten deutscher Natürlichkeit die dekadente Hofkultur Frankreichs anprangert.
Im Laufe meines Literaturstudiums kamen mir, vom Schatten der männlichen Zeitgenossen verdeckt, nicht viele davon unter, und die, die da kamen, kamen doch eher zufällig. Wenn sie dann aber kamen bereiteten sie mir umso mehr Freude, weshalb ich ihnen an dieser Stelle Tribut zollen möchte. An den Anfang stelle ich Liselotte von der Pfalz, für die mich ihr Zitat über das Lesen von Romanen einnahm: "Wenn ich die romans lange und an einem stück lesen müßte, würden sie mir beschwerlich fallen; ich lese aber nur ein blatt 3 oder 4, wenn ich met verlöff (mit Verlaub) auf dem kackstuhl morgens und abends sitze, so amüsierts mich und ist weder mühsam noch langweilig so." (1704)
Liselotte von der Pfalz (* 1652 in Heidelberg, + 1722 in Saint Cloud)
„Weilen alles so vergänglich ist, drumb muß man sich lustig machen, so viel man kann, denn man kompt nicht zwey mal wieder, und ich glaube, daß unser herrgott auch lieber hat, daß man ihm mit lust, als mit chagrin dient. Wenn weinen den frieden machen könnte, wollt ich selber weinen, aber das hilft zu nichts, also were es besser, zu lachen.“ (an Raugräfin Louise, 24.11.1713)
Wie kann man einen Beitrag über Liselotte von der Pfalz, voller Name Elisabeth Charlotte, besser beginnen, als mit den Worten: „Herzliebe Liselotte“ – so, als würde man ihr einen Brief schreiben. „Herzliebe Liselotte“, schreibe ich also, wie gut, dass du nie deinen Sinn für Humor verloren hast. Verübeln könnte man es ihr nicht, der Prinzessin aus Heidelberg, die aus politischen Gründen an den Bruder des Sonnenkönigs, Philipp I. von Orléans verheiratet wurde. Madame, deren Gatte sich offen zu seinen Favoriten und damit zu seiner Homosexualität bekannte, war einsam. Deshalb begann sie zu schreiben. Sie schrieb Briefe an ihre Lieben, die sie in der Heimat zurücklassen musste, die Heimat, nach der sie sich ihr Leben lang verzehrte.
„Die Pfalz ist ein gelobt land gegen andere Länder zu rechnen, denn alles ist ja gut in unserem lieben vaterland, luft, wasser, wein, brot, fleisch und fisch. [...] oft in den strohhütten leben leute mit größern vergnügen, als in schöne palästen und auf dem thron.“ (an Raugräfin Louise, 22.11.1710)
In diesem Brief klingt Liselottes tiefe Abneigung gegen das Leben am Französischen Hof mit, die zum Hauptinhalt ihres Schreibens wird. Besonders Liselottes Hass auf Madame Maintenon, die Mätresse des Königs, trug zu ihrer Isolierung am Hof und den Spannungen mit Ludwig IVX. bei.
„Welcher Henker uns unsere alte rumpompel (Mme. De Maintenon) hier wollte weg nehmen, sollte ich wohl vor einen ehrlichen Mann halten und gern vor ihn bitten, daß er möge geadelt werden.“ (an Herzogin Sophie, 31.3.1692)
Warum aber sind die Briefe dieser Frau, die von sich selbst behauptet, von politischen Dingen keine Ahnung zu haben („Wir müssen wohl von Bagatellen reden, Staatssachen weiß ich wahrlich nicht“) und die von Peter Michelsen – zu Recht – als „Genie des Klatsches“ bezeichnet wird, relevant für uns?
Klatsch, so Michelsen, könne zur Kunst werden und habe eine große Ästhetik an sich.
Zudem sind Liselottes detaillierte Beschreibungen von Leben und Leuten am Hof, von Intrigen, Absurditäten der Etikette und der Mode, wertvolle Quelle für die Kulturgeschichtsforschung. Bereits die Zeitgenossen aber erkannten, dass Liselotte einen außergewöhnlichen Stil schrieb, allen voran der Philosoph Leibniz.
„Herr Leibniz“, schreibt Liselotte, „dem ich etlichmal schreibe, gibt mir die vanitet, daß ich nicht übel Teutsch schreibe“ (1715)
Markenzeichen der Herzogin sind ihre geistreichen, aber oft bissigen Vergleiche, ihre Vorliebe für Anekdoten und Anspielungen sowie die drastische Sprache, die sie selbst folgendermaßen erklärt:
„Ich bin gantz naturlich; wen mir waß zu hertzen geht, muß ich es gantz entfinden“ (an Raugräfin Louise, 6.9.1715)
Friedrich Schiller wird sie im 18. Jahrhundert als eine Frau stilisieren, die mit unverbildeten deutscher Natürlichkeit die dekadente Hofkultur Frankreichs anprangert.
Samstag, 31. Dezember 2011
Glück im Zwischenraum
Einmal noch dort sein.
Einmal noch sich die Lippe blutig schlagen an der Sektflasche und den Berg hochkriechen im Schnee mit hohen Hacken, es ist so rutschig und unsere Stumpfhosen saugen sich mit Wasser voll, wir robben auf den Knien nach oben, die hohen Absätze finden keinen Halt im Schnee.
Aber dann, dann richten wir uns auf mit Plastikbechern voll Sekt in den Händen, voll Glück.
Das ist die Zeit zwischen den Jahren, die letzten Sekunden, die, obwohl du atemlos zählst, so zeitlos scheinen und die Vorfreude, die Erwartung auf das neue Jahr mit der Erinnerung an das Vergangene mischen.
Desillusionierung – ein bisschen älter sind wir, erschöpfter, ein bisschen trauriger - und wir zünden uns Zigaretten an, die ersten im neuen Jahr, die letzten im Alten, während der Himmel um uns explodiert, zischend und knallend, Sternenregen über uns, Wunderkerzen zwischen unseren Fingern, wir zeichnen leuchtende Worte in die eiskalte Luft.
Keine Vorsätze mehr, höchstens alles besser machen, aber mit dem Wissen, dass das ja schon der Vorsatz vom letzten Jahr gewesen ist. Trotzdem so viele Fehler, so viel Wut und doch Augenblicke ungetrübten Glücks wie jetzt, wenn die Nacht in Farben glüht.
Ach könnten wir nur unsere Mäntel zu Netzen formen und den Goldregen auffangen, der da um uns herunter fällt oder könnten wir bleiben, einfach nur, hier und immer und dieser eine Moment, festgehalten und ungetrübt, „Moment, nächstes Jahr wieder, versprochen“, dabei wissen wir doch, dass es leere Worte sind, weil wir nicht wissen, was sein wird und wer wir dann sind.
Einmal noch sich die Lippe blutig schlagen an der Sektflasche und den Berg hochkriechen im Schnee mit hohen Hacken, es ist so rutschig und unsere Stumpfhosen saugen sich mit Wasser voll, wir robben auf den Knien nach oben, die hohen Absätze finden keinen Halt im Schnee.
Aber dann, dann richten wir uns auf mit Plastikbechern voll Sekt in den Händen, voll Glück.
Das ist die Zeit zwischen den Jahren, die letzten Sekunden, die, obwohl du atemlos zählst, so zeitlos scheinen und die Vorfreude, die Erwartung auf das neue Jahr mit der Erinnerung an das Vergangene mischen.
Desillusionierung – ein bisschen älter sind wir, erschöpfter, ein bisschen trauriger - und wir zünden uns Zigaretten an, die ersten im neuen Jahr, die letzten im Alten, während der Himmel um uns explodiert, zischend und knallend, Sternenregen über uns, Wunderkerzen zwischen unseren Fingern, wir zeichnen leuchtende Worte in die eiskalte Luft.
Keine Vorsätze mehr, höchstens alles besser machen, aber mit dem Wissen, dass das ja schon der Vorsatz vom letzten Jahr gewesen ist. Trotzdem so viele Fehler, so viel Wut und doch Augenblicke ungetrübten Glücks wie jetzt, wenn die Nacht in Farben glüht.
Ach könnten wir nur unsere Mäntel zu Netzen formen und den Goldregen auffangen, der da um uns herunter fällt oder könnten wir bleiben, einfach nur, hier und immer und dieser eine Moment, festgehalten und ungetrübt, „Moment, nächstes Jahr wieder, versprochen“, dabei wissen wir doch, dass es leere Worte sind, weil wir nicht wissen, was sein wird und wer wir dann sind.
Dienstag, 18. Oktober 2011
Nochmals zu Mediävistik
*hrm* ... "Tuot ûf!" "wem? wer sît ir?" "ich will ins herze dîn zuo dir." "sô gert ir zengem rûme." "waz denne, belîbe ich kûme? mîn dringen soltu selten klagn: ich wil dir nu von wunder sagn."
Montag, 10. Oktober 2011
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