Freitag, 6. Januar 2012

"Ihre Sternheim - unsre Heldin" Sophie von la Roche

Die Empfindsamkeit fand ich immer schrecklich. Gemeinsam mit der Marwood erwartete ich inständig Sara Sampsons Tod, schüttelte zärtlich den Kopf über die zärtlichen Schwestern und lachte, wenn ich mir vorstellte, wie sie alle schluchzten und greinten, die Damen und Herren von damals, während sie sich mit possierlichen Taschentüchlein die Augen tupften.

Genau das sagt man der Dame nach, die ich im Folgenden vorstellen will: Dass ihr Roman kein Auge trocken ließ. Und hier liegt die Bedeutung, die sie für Zeitgenossen und Nachwelt hatte. Ich wiederhole: „Ihr Roman“.


Sophie von la Roche
(* 1730 + 1807)

Sophie von la Roche ist eine Vorreiterin in mehrfacher Hinsicht: Ihr Werk „Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim“ (1771) gilt als erster von einer Frau verfasster deutschsprachiger Roman.
Die 1783 gegründete Frauenzeitschrift „Pomona für Teutschlands Töchter“ war ebenfalls eine der ersten von einer Frau herausgegebenen Zeitschriften für Frauen – wenn sich auch darin schon ihr emanzipatorisches Potential erschöpfte.
Inhaltlich hielt man sich an die traditionelle Rollenverteilung, auf keinen Fall wollte Sophie die Frauen „von der heiligen häuslichen Bestimmung abziehen“ (Brief an Johann Caspar Lavatar).

Doch zurück zum Fräulein von Sternheim.
Der empfindsame Briefroman fällt in die Zeit der Aufklärung, eine Zeit, die dem Gedanken an eine gelehrte Frau nicht ganz abgeneigt gegenüberstand - und er feierte große Erfolge, sowohl beim weiblichen, als auch beim männlichen Publikum, wenn auch eher für das weibliche gedacht.

Sophie kann als Begründerin der Frauenliteratur gesehen werden, wobei Frauenliteratur in diesem Zusammehang ganz neutral und nicht mit dem schalen Beigeschmack, der dem Begriff heutzutage anhaftet, verstanden werden muss.
La Roche bestand „wie selbstverständlich auf dem Recht, über Angelegenheiten, die speziell Frauen betreffen, zu schreiben und damit als Autorin hervorzutreten“. (Becker-Cantarino, Barbara: Der lange Weg zur Mündigkeit. Frauen und Literatur in Deutschland von 1500 bis 1800. München 1989, S. 278.)
Mit der „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“ schuf die Arzt-Tochter aus Kaufbeuren ein moralisches Vorbild für die weibliche Leserschaft – im Mittelpunkt eine aktive Frau, die es schafft, frei und tugendhaft zu leben.
Die Bezeichnung 'Frauenroman' ging auf ihren Freund Christoph Martin Wieland zurück, der immer wieder den Nutzen des Werks für das weibliche Geschlecht betonte. Er war es auch, der sich zum Herausgeber des Romans machte, zeigte sich begeistert von „(der) Wahrheit und Schönheit Ihrer moralischen Schilderungen (...); mein Herz erwärmte sich“.
Wieland kümmerte sich um stilistische und editorische Veränderungen und nahm durch seine Vorrede und Anmerkungen Einfluss auf die Rezeption.

"Ihre Sternheim, so liebenswürdig sie ist, hat als ein Werk des Geistes, als eine dichterische Komposition, ja nur überhaupt als eine deutsche Schrift betrachtet, Mängel, welche den Auspfeifern nicht verborgen bleiben werden." (Wieland, Vorwort zu „Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim“)

Ohne den Einfluss ihres wohlwollenden Gönners wäre Sophie von la Roches schriftstellerische Laufbahn undenkbar gewesen. Ein Beispiel dafür, wie sehr die weibliche Autorschaft im 18. Jahrhundert von den männlichen Kunstrichtern abhing.
So können Wielands Worte in der Herausgeberfiktion des "Fräulein von Sternheims" sowohl als Schutz seines Schützlings als auch als Abwertung weiblicher Kunstfertigkeit gelesen werden:

„und sollten die Kenner nicht geneigt sein mit mir zu finden, daß eben diese völlige Individualisierung des Charakters unsrer Heldin einen der seltensten Vorzüge dieses Werkes ausmacht, gerade denjenigen, welchen die Kunst am wenigsten, und gewiß nie so glücklich erreichen würde, als es hier, wo die Natur gearbeitet hat, geschehen ist?“ (Wieland, Vorwort zu „Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim“)

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