Mittwoch, 4. Januar 2012

Liebe Liselotte

Widmete sich das Blog "schreibende Mädchen" bisher eher schreibenden Mädchen- oder Frauenfiguren innerhalb eigener Prosa oder vereinzelt im Film- und Musikbereich möchte ich den Beginn des Jahres 2012 nutzen, um mich mit realen schreibenden Frauen quer durch die Epochen (nicht chronologisch) zu beschäftigen und diese hier vorzustellen (nicht regelmäßig).

Im Laufe meines Literaturstudiums kamen mir, vom Schatten der männlichen Zeitgenossen verdeckt, nicht viele davon unter, und die, die da kamen, kamen doch eher zufällig. Wenn sie dann aber kamen bereiteten sie mir umso mehr Freude, weshalb ich ihnen an dieser Stelle Tribut zollen möchte. An den Anfang stelle ich Liselotte von der Pfalz, für die mich ihr Zitat über das Lesen von Romanen einnahm: "Wenn ich die romans lange und an einem stück lesen müßte, würden sie mir beschwerlich fallen; ich lese aber nur ein blatt 3 oder 4, wenn ich met verlöff (mit Verlaub) auf dem kackstuhl morgens und abends sitze, so amüsierts mich und ist weder mühsam noch langweilig so." (1704)

Liselotte von der Pfalz (* 1652 in Heidelberg, + 1722 in Saint Cloud)

„Weilen alles so vergänglich ist, drumb muß man sich lustig machen, so viel man kann, denn man kompt nicht zwey mal wieder, und ich glaube, daß unser herrgott auch lieber hat, daß man ihm mit lust, als mit chagrin dient. Wenn weinen den frieden machen könnte, wollt ich selber weinen, aber das hilft zu nichts, also were es besser, zu lachen.“ (an Raugräfin Louise, 24.11.1713)

Wie kann man einen Beitrag über Liselotte von der Pfalz, voller Name Elisabeth Charlotte, besser beginnen, als mit den Worten: „Herzliebe Liselotte“ – so, als würde man ihr einen Brief schreiben. „Herzliebe Liselotte“, schreibe ich also, wie gut, dass du nie deinen Sinn für Humor verloren hast. Verübeln könnte man es ihr nicht, der Prinzessin aus Heidelberg, die aus politischen Gründen an den Bruder des Sonnenkönigs, Philipp I. von Orléans verheiratet wurde. Madame, deren Gatte sich offen zu seinen Favoriten und damit zu seiner Homosexualität bekannte, war einsam. Deshalb begann sie zu schreiben. Sie schrieb Briefe an ihre Lieben, die sie in der Heimat zurücklassen musste, die Heimat, nach der sie sich ihr Leben lang verzehrte.

„Die Pfalz ist ein gelobt land gegen andere Länder zu rechnen, denn alles ist ja gut in unserem lieben vaterland, luft, wasser, wein, brot, fleisch und fisch. [...] oft in den strohhütten leben leute mit größern vergnügen, als in schöne palästen und auf dem thron.“ (an Raugräfin Louise, 22.11.1710)

In diesem Brief klingt Liselottes tiefe Abneigung gegen das Leben am Französischen Hof mit, die zum Hauptinhalt ihres Schreibens wird. Besonders Liselottes Hass auf Madame Maintenon, die Mätresse des Königs, trug zu ihrer Isolierung am Hof und den Spannungen mit Ludwig IVX. bei.

„Welcher Henker uns unsere alte rumpompel (Mme. De Maintenon) hier wollte weg nehmen, sollte ich wohl vor einen ehrlichen Mann halten und gern vor ihn bitten, daß er möge geadelt werden.“ (an Herzogin Sophie, 31.3.1692)

Warum aber sind die Briefe dieser Frau, die von sich selbst behauptet, von politischen Dingen keine Ahnung zu haben („Wir müssen wohl von Bagatellen reden, Staatssachen weiß ich wahrlich nicht“) und die von Peter Michelsen – zu Recht – als „Genie des Klatsches“ bezeichnet wird, relevant für uns?
Klatsch, so Michelsen, könne zur Kunst werden und habe eine große Ästhetik an sich.
Zudem sind Liselottes detaillierte Beschreibungen von Leben und Leuten am Hof, von Intrigen, Absurditäten der Etikette und der Mode, wertvolle Quelle für die Kulturgeschichtsforschung. Bereits die Zeitgenossen aber erkannten, dass Liselotte einen außergewöhnlichen Stil schrieb, allen voran der Philosoph Leibniz.
„Herr Leibniz“, schreibt Liselotte, „dem ich etlichmal schreibe, gibt mir die vanitet, daß ich nicht übel Teutsch schreibe“ (1715)

Markenzeichen der Herzogin sind ihre geistreichen, aber oft bissigen Vergleiche, ihre Vorliebe für Anekdoten und Anspielungen sowie die drastische Sprache, die sie selbst folgendermaßen erklärt:

„Ich bin gantz naturlich; wen mir waß zu hertzen geht, muß ich es gantz entfinden“ (an Raugräfin Louise, 6.9.1715)

Friedrich Schiller wird sie im 18. Jahrhundert als eine Frau stilisieren, die mit unverbildeten deutscher Natürlichkeit die dekadente Hofkultur Frankreichs anprangert.

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