Sonntag, 15. Januar 2012

Süchtig

Die Frau mit dem Hund springt in die U-Bahn, kurz bevor sich die Türen schließen, als der Schaffner bereits sein „Bitte zurückbleiben“ genuschelt hat und der fiepende Warnton in den Ohren klingelt.

Der Hund, das ist ein Terrier mit strammen, kleinen Beinen, ein Ohr neckisch eingeknickt. Die Frau atmet schwer und schiebt sich zu einem freien Sitzplatz. Sie zieht den Hund an einem Gürtel hinter sich her. Ihre Hose ist ihr fast über den Hintern gerutscht.

Richtig ungepflegt sieht sie nicht aus. Die Jacke ist schlicht und wirkt sauber, die viel zu weite Hose könnte genau so gut trendy sein, Used Look. Ihre dünnen, zerzausten Haare hat sie zu einem Zopf zusammengebunden und der schwache Geruch nach Alkohol und ungewaschener, alter Kleidung könnte von woanders herkommen. Erst ein Blick auf eine ihrer aufgequollenen, roten und rissigen Hände mit den gelb verfärbten Fingernägeln, die eine Flasche mit Apfelschorle umklammert, gibt Bestätigung. Auch das verkniffene, fleckige Gesicht – geplatzte Äderchen, schmale Lippen und  trübe Augen.

Jetzt reckt sie ihr knochiges Becken dem älteren Herrn mit dem weißen Schnauzbart, der ihr gegenüber sitzt, provozierend entgegen, während sie ihre Hose hochzieht und versucht, den Gürtel durch die Schlaufen zu ziehen.

„Lassen Sie sich nicht beirren!“ sagt sie laut zum Schnauzer-Mann.
„Wie bitte?“, sagt er.
„Lassen Sie sich nicht von mir beirren.“ Sie klingt eine Spur aggressiver.

Der Mann lächelt und schüttelt den Kopf. „Davon? Ach, da hab ich schon ganz andere Sachen gesehen. Mich überrascht nichts mehr.“

Sie setzt sich, blickt ihn starr an. „Und was, was haben Sie gesehen, wenn Sie so etwas sagen? Was war das, was Sie gesehen haben? Waren diese Dinge bewusstseinserweiternd für Sie?“

„Bewusstseinserweiternd? Nein“, sagt er.

„Ich bin drogenabhängig.“, sagt sie herausfordernd und starrt ihn an. Er sagt nichts.

„Ich hab’ die Hundeleine vergessen. Da haben die mich gezwungen, den Hund an den Gürtel zu nehmen! Scheiß Regeln! Ist denen egal, wenn mir die Hose bis zu den Knien rutscht. Scheiß Bullen.“
Sie schreit fast. „Der Hund tut keinem was! Aber das ist denen egal! Die sind wie scheiß Roboter! Die hinterfragen nichts, die haben ihre Regeln und die spulen sie ab und du musst dich dran halten. Scheiß System.“

„Ein lieber Hund“, sagt der alte Mann mit Schnauzer. Er hat einen Hut auf.

„Wo fahren Sie hin?“, fragt sie, während sie die Plastikflasche mit der Apfelschorle umklammert. „Fahren Sie zur Arbeit? Kommen Sie von der Arbeit?“

Er erwidert: „Ich komme von der Arbeit und fahre zur nächsten.“

„Und wo arbeiten Sie?“, hakt sie nach, misstrauisch. Sie möchte ihn austesten. Wie lange er mit ihr redet. Ob er sich irgendwann abwendet. Ob er sie verachtet.

„In einer Klinik“, sagt er. „Und in einem Pflegeheim.“

Ein junger Mann,  auf der anderen Seite des Ganges sitzend, grinst. Sie ist ihm peinlich. Er schämt sich für sie. Die anderen Fahrgäste im Umkreis schauen weg. Geradeaus oder aus dem Fenster. Sie geben sich unbeteiligt, tun, als hörten sie nichts.

Die Frau schweigt. Ihr Gesichtsausdruck ist irgendwie schuldbewusst. Ihre Lippen sind fest zusammengekniffen. Die Haare hängen ihr strähnig ins Gesicht und sie streicht sie mit zitternden Fingern zurück.

„Es tut mir leid“, sagt sie schließlich leise. „Es tut mir leid, dass ich so aggressiv war. Ich wusste nicht ...“

Sie blickt zu dem Terrier, dann zu dem Mann. Ihre Stimme wird noch ein wenig leiser als sie sagt: „Meinten Sie das mit den Dingen, die Sie gesehen haben? Was sehen Sie da? Sehen Sie die Leute sterben? Ein Freund von mir hatte Krebs. Er hat das überlebt, zum Glück, aber er ist nie mehr der Gleiche gewesen. Es war schlimm.
Eine Freundin von mir ist gestorben. Sie war auch drogenabhängig. Es waren so wenige auf der Beerdigung, so wenige! Das ist schlimm. Ich habe Angst. Es macht mir Angst, zu sterben und ganz allein zu sein.“

„Wir machen auch Sterbebegleitung“, sagt der Mann. Dann schweigt er.

Sie sagt ebenfalls eine Weile nichts mehr. Irgendwann murmelt sie: „Ich bin ein mitfühlender Mensch. Behandeln Sie Leute mit Krebs?“

„Nein“, sagt er. „Demenzkranke.“

„Das ist schlimm! Ist das nicht schlimm, wenn man alles vergisst?“

„Demenz kann schon mit 30 beginnen“,  sagt er. Die Frau ist ungefähr 30. Auf jeden Fall sieht sie älter aus, als sie ist. Kaputter.

Der Mann fährt fort: „Aber die Leute merken irgendwann nicht mehr, dass sie vergessen. Für sie ist es dann nicht schlimm. Nur am Anfang, da merken sie es.“

„Und haben Angst ...“ ergänzt die Frau traurig und trinkt einen Schluck Apfelschorle.

"Es hört schnell auf."

„Ich bin ein interessierter Mensch!“; sagt sie und ihre Stimme ist wieder fest.
„Ich möchte vieles wissen, deshalb frage ich Sie so viel. Wie erkenne ich Demenz? Wenn da ein Mensch irgendwo steht und sich verlaufen hat – vielleicht kann ich ihn ja zurückbringen!“

„Nun ja, sie sind verwirrt. Wissen nicht, wo sie sind, denken nicht klar. Das merkt man“, sagt der Mann.

Die Frau schaut auf den Boden.

Der junge Mann auf der anderen Seite des Ganges steigt aus. 

2 Kommentare:

  1. Wirklich sehr packend geschrieben.
    Ich würde gerne mal einen ganzen Tag in einem Zug verbingen, nur um die Gespräche der Leute mitzubekommen. Obwohl ich wahrscheinlich ab und zu auch verlegen grinsend aus dem Fenster schauen würde...

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